Ein starker Antrieb: die Freude

Warum es guttut, Freude zu teilen

Jutta Hajek, Mariechen und Christof Müller zeigen ihre Freude
Jutta Hajek, Mariechen und Christof Müller freuen sich gemeinsam
über die Verleihung des Kulturförderpreises 2022 der Stadt Kelkheim/Taunus

Die Freude ist eine Urkraft, die sich in mir Bahn bricht, immer wieder, auch ohne äußeren Grund. Sie sprudelt, will ausgedrückt und geteilt werden. Nun ist es aber gerade nicht so, dass wir reichlich Gründe zur Freude haben. In unserer eigenen kleinen Welt sind liebe Mitmenschen oder wir selbst krank, ohne Arbeit oder schon älter und dadurch eingeschränkt. In der großen Welt, nicht weit weg, herrschen Krieg, Hunger und Armut. Täglich sterben mehr als 150 000 Menschen auf diesem Planeten. Wie sollen wir uns da freuen? Und warum? Was geschieht, wenn wir Freude teilen? 

Sich freuen trotz Leid?

Die Freude braucht keinen Grund. Sie ist eine natürliche Anlage jedes Menschen. Freuen können wir uns an den kleinsten Dingen, wenn wir sie wahrnehmen: erholsamer Schlaf in der Nacht; Schneeflocken am Morgen, die auf der Nase schmelzen; einem Stück dunkler Schokolade nach dem Mittagessen; einem orangegefärbten Blatt, das auf dem Feldweg in der Sonne leuchtet; einem Song von Queen im Radio.

Noch mehr können Beziehungen zur Freude beitragen: Ich rufe eine Verwandte an und erfahre, dass der Anruf genau zur richtigen Zeit kommt, weil sie Wichtiges zu erzählen hat. Eine Nachbarin stellt uns eine Tüte mit Nüssen vor die Tür. Meine Mutter nimmt meine Hand. Ich koche meiner Familie ein leckeres Essen; wir sitzen beisammen und erzählen. Freunde rufen an und laden uns ein. Ich nehme einen Bekannten, den ich lange nicht gesehen habe, in den Arm. Das alles sind Ereignisse, die uns zum Strahlen bringen können.

Sich-freuen-Können hat viel mit Präsenz zu tun. Wenn ich ganz im Moment bin und nicht an gestern oder morgen denke, nehme ich Freudiges eher wahr, als wenn ich in mir und meinen kreisenden Gedanken gefangen bin. In einem früheren Impuls habe ich darüber nachgedacht, warum es guttut, ganz im Moment zu sein: Sich auf der Schwelle des Augenblicks niederlassen.

Eine Freude für Aufmerksame: ein Tagpfauenauge auf einem Weg.
Ein Tagpfauenauge auf dem Weg, das ich nur entdecke, wenn ich aufmerksam bin.

Warum ist sich freuen wichtig?

Wenn wir nur funktionieren und uns nicht hin und wieder freuen, werden wir saft- und kraftlos. Eine Bekannte erzählte mir, sie habe gemerkt, dass mit ihr etwas nicht stimmte, als sie sich noch nicht einmal über den Weihnachtsbaum und das bevorstehende Fest freuen konnte. Was können wir in diesem Zustand noch für andere unternehmen? Wir sind mit uns beschäftigt, weil wir leiden. Das strahlt aus. Die Menschen in unserem Umfeld leiden ebenfalls und wir kommen in einen Strudel des Negativen, der uns nach unten zieht. Bevor es so weit ist, sollten wir um Hilfe bitten.

Freude ist ein gutes Gegenmittel gegen Angst. Beide Emotionen gleichzeitig zu empfinden, ist unmöglich, weil sie – wie Ekel, Scham, Trauer – zu den Grundemotionen gehört. Wenn wir also einmal ängstlich gestimmt sind, können wir uns einen Grund suchen, genau in dieser Situation, Freude zu empfinden. Konzentrieren wir uns darauf, verschwindet die Angst, weil sie kein Futter bekommt.

Auf perfekte äußere Umstände zu warten, bis ich mich freue, habe ich längst aufgegeben. Das würde bedeuten, sich sehr wenig zu freuen, weil die Welt ein bedrohlicher Ort geworden zu sein scheint. Wenn man darüber nachdenkt, war sie das wahrscheinlich schon immer. Ich freue mich trotzdem, wann immer sich Gelegenheit bietet.

Wann eine Gelegenheit zum Sich-Freuen ist, bestimme ich.

Was geschieht, wenn wir Freude teilen?

Freude teilen ist das Beste. Vor allem, seit wir uns wieder umarmen können. Das durfte ich Mitte Oktober von Neuem erfahren, als wir uns mit über hundert Leuten in der Stadthalle trafen, um die Verleihung des Kulturförderpreises zu feiern. Schon die Vorfreude auf dieses Ereignis war wunderbar. Hätte ich alleine dagestanden, wäre das Ganze ziemlich bedeutungslos gewesen. Aber so war es nicht. Da waren viele Menschen, die mich seit Jahrzehnten auf meinem Weg begleiten und die ich begleite. Wir konnten das gemeinsam erleben. Das war ein unbeschreiblich schönes Gefühl! Erst als ich sie teilen konnte, wurde meine Freude groß. Vorher freute ich mich nur im Kopf. Dann wanderte sie in den Bauch und breitete sich aus, bis jeder Winkel von mir erfüllt war.

Dass wir uns in unserer regionalen AutorInnengemeinschaft des BVJA miteinander freuen können, ist eine besondere Qualität, die wir kultivieren und nicht missen wollen. Eine Kollegin fragte mich kürzlich, ob ich ihre Ausstellung eröffnen würde. Das empfand ich als große Ehre und ich habe es sehr gern übernommen. Die Zusammenarbeit mit dem bene! Verlag von Droemer Knaur ist nun schon seit 5 Jahren ein Grund zur Freude. Ich kann durch meine Arbeit an Büchern und durch Workshops Menschen auf ihrem Weg begleiten und inspirieren. Auch innerhalb der Familie ist echtes Mitfreuen eine Geste, nach der sich jeder sehnt und die zusammenschweißt. Die Freude in den leuchtenden Augen meines Gegenübers zu sehen und in der Stimme zu hören, macht mich so froh, dass ich mir überlege: Wie kann ich das erreichen?

Sich mitfreuen gehört zum Menschsein dazu. Indem ich mich über Erfolge anderer freue, signalisiere ich, dass ich das Gleiche erreichen kann, wenn ich es mir wichtig ist.

Wo liegt die Quelle?

Freude entsteht in mir, wenn ich etwas tue, das meinen Talenten entspricht. Dann kann ich vollkommen in der Arbeit oder Freizeitaktivität versinken. Die Zeit verfliegt. Kennen wir das nicht alle? Wenn es eine geliebte Tätigkeit ist, wird uns nichts zu viel. Dann geben wir alles. Doch es gibt noch eine andere Art von Freude, die viel tiefer geht:

Ich freue mich, weil ich geliebt bin. Das muss mir keiner geben, das habe ich schon.

Es ist eine ständig sprudelnde Quelle in mir. Sie ist ein Geschenk der unendlichen Liebe, aus der ich stamme – aus der jeder Mensch kommt – und in die ich zurückgehe, wenn meine Aufgabe hier erfüllt ist. Ich kann mich jederzeit dorthin begeben, wenn ich durcheinandergewirbelt werde von den Winden da draußen; von Müll, der mir entgegenweht; von Trockenheit, die durch zu wenig Zuwendung entsteht; von zu viel Getue um Unwichtiges. Dann setze ich mich hin, werde still, gehe in mich, und genieße einen Geysir der Freude, der nie versiegt, weil seine Quelle im Ewigen liegt.

(c) Fotos: Porträts: Christiane und Matthias Busch, Schmetterling: Jutta Hajek

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