Loslassen und Ankommen

Wie mit Vergänglichkeit umgehen?

Loslassen, was wir lieben, ist schwer für unser Herz. Wenn wir uns dem Schmerz stellen, werden wir heil.

Das Leben verlangt immer wieder, dass wir uns verabschieden: von vergangener Zeit, verpassten Zielen, auch – und das ist das Schmerzhafteste – von Menschen, die vorausgegangen sind in ein anderes Leben. Gerade am Ende des Jahres lohnt ein Zurückschauen und Loslassen, damit Neues ankommen kann.

Das Jahr verabschieden

In wenigen Wochen müssen wir dieses Jahr loslassen mit allem, was war – dem Schönen und dem Schweren. Es gibt nicht weniger Kriege als im vergangenen Jahr, sondern mehr. Viele Freunde sind krank und die Liste der Menschen, für die ich bete, wird immer länger.

Trotzdem wird weltweit auch einiges besser, obwohl wir es oft nicht wahrnehmen. Melanie Wolfers hat für ihr im März 2023 erschienenes Buch Nimm der Ohnmacht ihre Macht Fakten recherchiert, die mich erstaunt haben. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt heute weltweit liegt bei 70 Jahren. Hättest du das geschätzt? Ich dachte, sie sei viel geringer.

Gerade auch im persönlichen Umfeld hat sich in diesem Jahr viel Schönes entwickelt im Freundeskreis. Erwachsene Kinder haben geheiratet. Hier und dort kündigt sich Nachwuchs an. Mein Mann und ich werden im Januar Großeltern. Ist das nicht wunderbar? Ich kann es nicht fassen, dass ein neuer Mensch schon bald das Licht der Welt erblickt. Die besten Erfahrungen im Leben bekomme ich geschenkt.

Ziele zurückgeben

Auf jeden Fall darf ich Wünsche formulieren. Zu Beginn jedes Jahres male ich ein Spinnendiagramm auf ein riesengroßes Blatt und schreibe auf, was ich gerne umsetzen würde und was ich mir vorstelle für die kommenden 12 Monate, zum Beispiel Zeit mit Mann und Familie, mit Freunden, Reisen, Schreiben, Lesungen halten, Sport treiben, für andere da sein.

Nicht alles, was wir uns vornehmen, gelingt. Es war ein reich gefülltes Jahr mit unfassbar vielen Begegnungen und Erlebnissen, aber manches lässt sich eben nicht machen. Ich akzeptiere, was nicht so war, wie ich es mir erhofft hatte. Ich gebe zurück, was nicht gelungen ist und lasse es los. Es ist so viel gewesen, wofür ich dankbar sein kann. Bei Dir ist es sicher genauso. Oft nehme ich mir am Abend ein Blatt Papier und schreibe auf: Was heute gut war. Dieses Dankbarkeits-Ritual bietet sich auch am Ende des Jahres an.

Das Schwerste: Menschen loslassen

Am meisten schmerzt, dass wir in den vergangenen zwei Jahren besonders viele liebe Menschen gehen lassen mussten: Den einzigen Bruder meines Vaters, die jüngste Schwester meiner Mutter, eine Tante meines Mannes und kürzlich zwei Freunde, die – so finden wir – viel zu jung waren.  Bestimmt hast auch Du jemanden gehen lassen müssen in der jüngsten Vergangenheit und denkst an ihn oder sie.

Selbst wenn Menschen ein biblisches Alter erreicht haben, tut ihr Tod unglaublich weh, so hat mir eine Nachbarin berichtet. Sie denkt die ganze Zeit an ihren Mann, der mit weit über 90 Jahren gestorben ist. Obwohl sie wusste, dass es eines Tages geschehen würde, traf dieser Verlust sie unvorbereitet. Man kann sich innerlich vorbereiten und trotzdem erwischt einen der Weggang lieber Menschen immer auf dem falschen Fuß.
Ich nehme mich da nicht aus. Diese dunkle Zeit ist auch dazu da, um zu trauern, einen Gang herunterzuschalten. Mit weiter, weiter, ist es nicht getan. Hinspüren ist dran. Den Schmerz nicht mit Aktivität überdecken. Sich erinnern.

Wie ein Ozean

Die Menschen, die in diesem Jahr aus unserem Leben gegangen sind, hinterlassen eine Kluft gefüllt mit Tränen, tief und breit wie ein Ozean, nicht von heute auf morgen zu überbrücken. Und doch heilt die Zeit Wunden und nach vielen Jahren fällt es vielleicht schwer, sich an die Stimme, das Gesicht oder Gesten eines heimgegangenen lieben Menschen zu erinnern. Wie ich damit umgehe? Mir hilft, die letzte Begegnung vor meinem inneren Auge wachzuhalten.

Es war ein Sonntagabend Anfang Oktober. Das Laub in den Weinbergen leuchtete rot. Mit einem „Klack“ fiel die Haustür ins Schloss. „Warte, ich will mich verabschieden!“ rief ich meinem Vater durchs gekippte Küchenfenster nach. Er ging gerade weg zu einer Veranstaltung; ich musste am selben Abend zurück an meinen Studienort.

Auf dem Treppenabsatz vor dem Haus stand er und wartete. Ich schlang meine Arme um seinen Hals und drückte ihm einen Abschiedskuss auf die schon leicht stoppelige Wange, „Tschüss“; er wünschte mir eine gute Woche in Würzburg und ging die Treppe hinunter. Ich sah ihm nach.

Am nächsten Morgen erreichte mich die Nachricht: Dein Vater ist tot. Meine Welt stürzte ein. Dass sie wieder heil werden konnte, verdanke ich meiner starken Mutter und anderen Menschen, die mir Sicherheit gaben . Seit dieser Zeit begleitet mich das Lied Cherish von Kool and the Gang, das 1985 erschien und in dem Herbst oft im Radio lief. Wenn ich es höre, durchflutet mich eine Welle der Dankbarkeit für meine Familie, mein Leben und das Gute, das ich erfahren darf. Sicher hast Du auch ein Lied, das Dich an ein Ereignis oder einen lieben Menschen erinnert.

Wenn ich dieses Lied höre und an meinen Vater denke, ist er mir auf einmal nah. Die Kluft ist nicht mehr so tief wie zu Beginn. Weil ich Nähe wieder zulassen kann. Am Anfang war ich nicht empfangsbereit. Manchmal träume ich inzwischen wieder von ihm, nach fast 40 Jahren. Vergangenheit und Gegenwart verweben sich zu einem Teppich, auf dem ich weitergehen kann. Das wünsche ich auch Dir, dass mit der Zeit einiges wieder leichter wird.

Lesetipp: Wie wir gut aus einem Tief kommen

Ankommen, wie ich bin

Sehr viel ist gut, aber manchmal sehe ich es nicht. Es tröstet mich zu wissen: Ich darf ankommen, wie ich bin, in dem, was jetzt ist. Auch in dem, was nicht ist. Und dann kann ich alles, was mich umtreibt, mit der Zeit ein Stück weit loslassen. Nicht hinter mir lassen, aber an die große Liebe abgeben, die uns alle hält. Raum entsteht. Neues strömt in die Lücke, in die Leere hinein.

Das neue Jahr kommt unweigerlich. Dazu müssen wir nichts beitragen. In wenigen Wochen ist es da und fragt: Was willst du erleben in mir? Was ist dir wichtig? Was willst du pflegen und was willst du abschaffen? Wovon willst du mehr und wovon weniger? Und dann ist es an mir, Entscheidungen zu treffen und Weichen zu stellen.

Bevor das neue Jahr beginnt, kommt einer, der es mit uns anfangen will. Er kommt als Kind in Windeln. Mitten hinein in unseren Alltag mit all dem Schönen und Schlimmen. Er nimmt uns an der Hand und sagt: „Fürchtet euch nicht!“ Er fragt nicht nach umgesetzten und verpassten Zielen, ob ich gut drauf bin oder traurig, gesund oder krank, ob ich perfekt vorbereitet bin oder meinem Plan hinterherhänge. Es ist alles angenommen, wie es ist. Ich lasse mich auf ihn ein. Jetzt.

Ich lasse mich an die Hand nehmen, trete vor die Krippe. Licht und Wärme, die von ihr ausstrahlen, erfassen mich mit meiner Freude und Dankbarkeit, mit dem, was gelungen ist, aber auch mit der Trauer und dem Schmerz. Und ich lasse alles los und ergebe mich dem Kind, das mich anlächelt. Ich lächle zurück.

Es ist Weihnachten.

Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen. Diese Aufzeichnung war die erste; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids …
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