Fünf Gedanken
Wer weiß, wofür er steht, kann viel bewirken. Wie kann ich meine innere Haltung sichtbar werden lassen? Wer ist mein Nächster und wie wollen wir zusammen leben?

Wohin sich die Gesellschaft entwickelt
Die politischen Zustände in Deutschland sind beunruhigend. Die gemäßigte Mitte verliert an Zustimmung. Die extremen politischen Ränder haben Zulauf. Das Wort „Heimat“ wird missbraucht. In Sachsen-Anhalt wurde ein Politiker des rechten Randes zum Landtagspräsidenten gewählt. Das macht mich traurig. Menschen, die sich noch nie für Politik interessiert haben, gehen auf die Straße, um Schlimmeres zu verhindern.
Auch die Isolierung schreitet voran. Menschen stecken einander in „Töpfe“ und stellen „die“ davor, wenn sie übereinander reden. Ich sitze im Zug und schaue mich um. Früher hätte ich mich mit jemandem unterhalten. Heute schauen die meisten auf ihr Handy, einige mit Stöpsel in den Ohren. Man muss penetrant werden, wenn man mit jemandem reden will.
Wer bin ich?
Um mich zu positionieren, muss ich erst einmal Klarheit schaffen. Manchmal kenne ich mich selbst nicht mehr. Es geschieht viel und ich handle. Manchmal vergesse ich die Rückbindung an mein Inneres und bin nur noch außen. Nach einer Weile frage ich mich: Wer bin ich eigentlich?
Mir gelingt es am besten, Klarheit zu finden, wenn ich alleine Zeit verbringe. Ohne Handy, ohne Buch, ohne Fernseher. Einfach in der Stille. Beim Spazierengehen, beim Sitzen und Schauen, bei einer Arbeit, die mir Freude bereitet. Dann kann aufsteigen, was in mir ist. Dann ebben die Wellen in meiner inneren Quelle ab und ich kann auf den Grund sehen. So finde ich, was verborgen liegt. Diese Zeit kann ich mir aktiv nehmen oder sie wird mir geschenkt durch äußere Ereignisse. Manchmal muss ich auch darum kämpfen. Das mache ich immer wieder, weil mein „Ich“ nichts Statisches ist. Ich verändere mich täglich und will mich nicht verlieren.
Ähnlich geht es Juna im neuen Buch „Weil dein Leben heute beginnt“. Sie wird durch ein Erdbeben aus ihrem bisherigen Leben katapultiert, das durch Stress geprägt ist. In der Stille eines indischen Ashrams kann sie nicht ausweichen und ihre Rastlosigkeit und Leere nicht mit Aktivität überdecken. Allmählich steigen Fragen in ihr auf und sie begibt sich auf die Suche nach Antworten. Sie findet Menschen, denen sie sich anvertraut und die sie weiterbringen.
Wofür stehe ich (ein)?
Wenn ich mir Zeit nehme, mich kennenzulernen, kommen die Antworten schnell. Zu mir gehört: Zusammenhalt fördern, ein verlässliches, liebevolles Zuhause sein. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Der Nächste ist der Nachbar, egal, woher er stammt. Wir teilen einen Raum. Sich gegenseitig zu helfen, zu wissen, was der andere braucht, und auch, was er nicht aushalten kann, Rücksicht zu nehmen. Wird das konkret, zum Beispiel durch das unterschiedlich Ruhebedürfnis verschiedener Kulturen zu unterschiedlichen Zeiten, kann es anstrengend sein. Es ist zunächst schwierig, das als Gewinn zu sehen – kulturelle Vielfalt ist aber bereichernd. Ohne sie wären wir ärmer. Einiges würde überhaupt nicht mehr funktionieren.
Dasselbe gilt für Familie und Freunde. Während ich das schreibe, denke ich: Ist doch einfach. Klarheit bekomme ich, wenn ich schreibe. Wenn alles in meinem Kopf bleibt und dort miteinander diskutiert, fehlt sie oft. Für jeden Menschen ist es etwas anderes, wobei er sich ausrichten kann. Wo findest du Klarheit?
Als Drittes ist mir wichtig, Einsatz zu zeigen auf eine Weise, die mir entspricht. Ich finde, jeder sollte gegen ungute Entwicklungen einstehen, so gut er kann. Es geht uns zum Beispiel alle etwas an, wenn Menschen mit Behinderung ausgegrenzt werden. Auf Demos stört mich oft, wenn im selben Tonfall wie dem der politischen Gegner geschrien wird. Das Wie ist mir nicht egal.
Wie kann ich Haltung zeigen?
Also bleibt nichts, als selbst aktiv zu werden. Und das tun viele. Freunde engagieren sich für die Tafel und auch wir unterstützen sie. Vereine in unserer Heimatstadt, wie Miteinander Leben in Kelkheim. oder die Bürgerstiftung sorgen für gegenseitiges Kennenlernen und Vertrauen und unterstützen Menschen, die es brauchen. Genauso die christlichen Kirchen. Ich bin in Sankt Franziskus Kelkheim engagiert und fühle mich hier zu Hause. Diese Aktivitäten gibt es in vielen Orten auf der ganzen Welt. Durch sie entsteht Gemeinschaft.
Berührt hat mich ein Artikel im Publik Forum Extra zum Thema „Heimat“. Er berichtet davon, wie Menschen in Minneapolis gegen die mehr als 3000 Agenten der US-Einwanderungsbehörde ICE und ihr brutales Vorgehen protestierten. Kirchenchöre hätten eine „Singing Resistance“ ins Leben gerufen, indem sie einfache Lieder wie die von Taizé erfanden und sangen. Bürgermeister Joseph Frey spricht von einer „traumatisierten Stadt“. Er erzählt von Kindern, die fast zehn Wochen nicht zur Schule gehen konnten und von wirtschaftlichen Härten für Geschäfte. Der Begriff, der sich wie ein roter Faden durch seine öffentlichen Auftritte ziehe, sei: Nachbar.
Bücherschreiben und aus ihnen vorlesen sind für mich Wege, Gemeinschaft zu stiften. Während solcher Veranstaltungen kommen die Energien der Anwesenden zusammen. Es entsteht mehr, als hineingegeben wurde.
Wo ich Heimat finde
Die Gedichte der jüdischen Autorin Mascha Kaléko, die unter anderem in Frankfurt am Main aufwuchs, im Berlin der Weimarer Zeit Anerkennung als Dichterin fand, und ihr Leben im Exil zwischen New York und Jerusalem verbrachte, kommen mir diese Tage in den Sinn. Als Kind schon kannte sie das Gefühl von Verlorenheit, über das sie später im Gedicht „Die frühen Jahre“ schrieb. Der Schlüssel liegt hier: „Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.“ Diese Beziehung hält und trägt.
Die Sängerin Dota Kehr, aka „die Kleingeldprinzessin“, hat Gedichte von Mascha Kaléko vertont. Unbedingt reinhören: „Die frühen Jahre“
Ein beliebter Impuls: Neu beginnen




