Hochstand auf einer Wiese vor blauem Himmel

Du schaffst das!

Drei Fragen, die du dir stellen kannst, wenn du diesen Satz hörst.

„Du schaffst das“, hören wir öfter. Vieles können wir schaffen und wir erklimmen so manche Leiter. Doch es lohnt sich, vorher zu überlegen, wofür wir unsere Energie einsetzen. Drei Fragen, die Klarheit bringen.

Leiter zu einem Hochstand

„Du schaffst das!“ (c) Jutta Hajek

Was ist die Motivation dahinter?

Menschen handeln nicht ohne Motivation. Wenn du den Satz „Du schaffst das!“ hörst, lohnt es sich, ihn einzuordnen und dich zu fragen: In welcher Beziehung stehe ich zu dieser Person? Ist es eine private oder eine berufliche, eine gegenseitig unterstützende oder eine, in der ein Ungleichgewicht herrscht. Manchmal werden wir von jemandem angespornt, der uns einreden will, dass eine Sache machbar sei. Welchen Nutzen hat er oder sie daraus, wenn ich diese Aufgabe angehe? Auch meine eigene Motivation lohnt es sich zu hinterfragen.

Heute Morgen war ich beim Augenarzt. Er stellte fest, dass ich eine eingewachsene Wimper hatte, die befreit werden musste, bevor sie sich entzündet. Ich solle ins Krankenhaus, er habe nicht die passenden Instrumente für die OP, meinte er stirnrunzelnd. „Entweder Sie probieren das jetzt oder ich mache es selbst zu Hause“, antwortete ich. Natürlich kann man sich nicht selbst am Auge operieren. Ich hätte Hilfe gebraucht. „Sie schaffen das!“, fügte ich hinzu. Er spürte meine Entschlossenheit und ließ sich darauf ein.

Worum geht es?

Wenn jemand zu dir sagt: „Du schaffst das!“, dann frage dich immer: Was soll ich schaffen? Geht es um einen Job, den meine Chefin delegiert, weil er sie nur Zeit kostet, aber keine Lorbeeren bringt? Dann ergibt Gegenwehr wahrscheinlich wenig Sinn. Oder ist es ein Kollege, der sich vor einer kniffligen Aufgabe drücken will? Dann kann ich schon eine Grenze setzten. Oder sagt mein Partner „du schaffst das“, der wirklich will, dass ich mir etwas zutraue und angehe, was mir wichtig ist. Manchmal zweifeln wir ja an uns selbst und brauchen jemanden, der an uns glaubt und uns gut zuredet. Oder geht es doch eher um einen ungeliebten Job wie Rasenmähen oder Staubsaugen, der dir womöglich körperlich schwerfällt?

Willst du das überhaupt?

Wenn du weißt, was du schaffen sollst, kannst du dich direkt fragen, ob du das willst. Unbewusst tun wir das wahrscheinlich sowieso, aber es gibt Strukturen, die so eingefahren sind, dass wir sie nicht mehr hinterfragen. Geht es um einen Menschen, der dir am Herzen liegt, und dem du eine Freude bereiten kannst, wirst du zustimmen: „Ja, das schaffe ich und das mache ich gern für dich!“ Das kann die Chefin oder der Kollege sein. Möglicherweise magst du sogar die Arbeit, die dir angetragen wird, und sie fällt dir leicht. Du weißt, dass die oder der andere sich damit quält, also setzt du dich daran und fühlst dich gut, wenn du helfen konntest.

Am besten wird dir die Arbeit von der Hand gehen oder aus dem Herzen fließen, wenn sie zu einem deiner Ziele hinführt oder zu deinen Werten passt. Als Lehrerin liebst du es wahrscheinlich, mit Kindern Zeit zu verbringen und wenn es gut läuft, wunderst du dich oft, wenn schon wieder der Pausengong ertönt. Wenn du gern schreibst, hast du sicher auch schon nach Stunden verwundert auf die Uhr gestarrt, weil du vollkommen versunken bist, in dem was du liebst. Du hast ein Kapitel deines Buches verfasst, du hast es geschafft, doch es hat sich nicht wie Arbeit angefühlt, sondern wie das, wozu du auf die Welt gekommen bist.

Gemeinsam geht mehr

Zurück zum Augenarzt. Er ist gut in dem, was er beruflich tut und man merkt, er hat Freude daran. Mit ruhiger Hand operierte er. Nach wenigen Minuten war die Wimper befreit. Eine Mitarbeiterin machte mir einen Salbenverband aufs Auge und ich war froh, das Problem gelöst zu haben. Weil ich keinen Zweifel gehabt hatte, dass wir das hinkriegen würden, hatte ich den Arzt angespornt, die OP auch ohne die perfekten Instrumente zu wagen. Wäre sie missglückt, hätte sich der Augenarzt Vorwürfe gemacht. Sein Optimismus und sein Vertrauen in seine Fähigkeiten hat gesiegt. Sicher hat es auch geholfen, dass er meine Entschlossenheit spürte und merkte, dass ich mutig war. Wir gingen diese Sache, deren Ausgang ungewiss war, gemeinsam an. Es war auch klar, dass ich ihm, wenn es nicht geklappt hätte, keine Vorwürfe hätte machen können.

Mit Leichtigkeit

Durch die kühle Morgenluft schwebe ich ins Ciao Bella. Den Verband nehme ich ab, damit ich sehe, wohin ich trete, und mich wieder normal fühle. Der Wirt wischt gerade die nassen Stühle vor dem Bistro ab. „Haben Sie überhaupt schon offen?“, frage ich. Auf ein Getränk könne ich sehr gern schon reinkommen, antwortet er. Ich bestelle eine heiße Schokolade. Es dauert eine Weile, er klappert hinter der Theke, holt mit einer Zange einen hausgebackenen Mandelkeks aus der Schüssel, legt ihn auf den Teller, stellt das Glas dunkle Schokolade dazu, auf deren Oberfläche sich vom Rühren Bläschen bilden, und bringt sie an den Tisch. „Qué será“ läuft im Radio und er singt laut und melodisch mit. Die Frau am Nachbartisch schaut mich an und grinst, ich grinse zurück und summe.

Wir können nicht in die Zukunft schauen. Was sein wird, wird sein. Vieles können wir machen, anderes wenigstens positiv beeinflussen, aber noch viel mehr entzieht sich unserem Einfluss. Das anzunehmen ist schwer bei allem, was gerade geschieht. Und doch auch tröstlich. Wir müssen nicht alles schaffen. Es gibt eine Kraft, die alles durchdringt, aus der alles, das wir kennen, kommt und wohin alles auch wieder geht, wenn es Zeit ist. „Wenn Gott für uns ist, wer kann gegen uns sein?“, schrieb Paulus im Jahr 57 n. Chr. im Brief an die Römer (8,31).

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