Birke im Schnee

Die Kunst des Weglassens

Dem Wesentlichen Raum geben

Die Natur zieht sich im Winter zurück, um im Frühling wieder aufzublühen. (c) Jutta Hajek

Im lauten, fordernden, oft hektischen Alltag ist es nicht leicht, sich auf das Wesentliche zu besinnen und dem Raum zu geben, was wir als wirklich wichtig empfinden. Wie könnte das gehen und was haben wir davon, wenn wir es versuchen?

Was weglassen?

Der Hamburger Autor und Komponist Jan Simowitsch hält sich im Februar 2026 zum zweiten Mal auf den Färöer-Inseln auf, genauer gesagt in der Stadt Tjørnuvík im Norden der Hauptinsel Streymoy. Die Straße endet dort, es gibt keinen Durchgangsverkehr. Dort geht es zu Lande nicht weiter. Der Ort liegt eingebettet zwischen steilen Bergen und öffnet sich nur zum Osten hin, zum Meer. Deshalb scheint hier nur morgens die Sonne oder gar nicht. Ich habe Jan gefragt, was anders ist als Zuhause. Er antwortete: die Stille. Sie gebe ihm Platz, in sich hineinzuhören und Gefühlen beim Schreiben und Komponieren Raum zu geben. In dieser Zeit hat er wenig Kontakt nach außen, kaum lenken ihn Gespräche ab und er ist meist ganz bei sich.

Das ist eine außergewöhnliche Situation, die sehr fruchtbar sein kann, doch auch wenn wir nicht auf eine Insel im Nordatlantik reisen wollen, um Ruhe zu spüren, gibt es sicherlich in jedem Leben etwas, das sich verwandeln möchte. Möglicherweise lebe ich in Beziehungen, die mich nicht nähren. Oder ich esse Lebensmittel, von denen ich weiß, dass ich sie nicht vertrage. Kann sein, ich kritisiere unbewusst häufig mich selbst oder andere. Vielleicht erledige ich immer wieder Pflichten, die eigentlich zu jemand anderem gehören, die ich aber irgendwann übernommen habe, und nun nicht mehr loswerde. Ich frage mich: Gibt es Aufgaben, die ich abgeben kann und möchte? Was kann und darf ich weglassen?

Wozu könnte das gut sein?

Eine Bestandsaufnahme zu machen, gibt ein klares Bild, wo wir uns im eigenen Leben befinden. Viele sagen: „Ich habe keine Zeit!“ oder „Ich schaffe das nicht!“ Ich merke aber, wenn ich ehrlich bin, eigentlich wäre Zeit und Energie da für das, was mir wichtig ist. Sie ist nur belegt mit Dingen, die angeblich meine Pflicht sind, die mir aber vielleicht nicht liegen und die ich, kritisch betrachtet, auch nicht wirklich tun muss. Essen, das mir nicht guttut, raubt Energie. Selbstkritik und übertriebene Ansprüche an mich kosten Kraft und die könnte ich für anderes aufsparen. Wenn wir schauen, was uns wertvoll und bedeutsam ist, und was andererseits wegkann, verschieben sich die Prioritäten. Nicht alles, was vor Jahren wichtig war, ist es heute im gleichen Maß.

Einiges wegzulassen kann helfen, Zeit und Energie zu bewahren für das, was einen hohen Wert in meinem Leben hat. Als ich mich beim Toastmasters Club auf einen Redewettbewerb vorbereitete, gab mir ein alter Hase den Rat: „Konzentriere dich auf deine Kernbotschaft und lasse alles andere weg!“ Ich hatte nur einige Minuten Zeit, meine Message herüberzubringen, deshalb half mir dieser Rat. Aber mal ganz ehrlich, wissen wir, wie viel Zeit wir für unser Leben haben, wie viel uns bleibt, unsere Lebens-Botschaft in die Welt zu bringen? Schade wäre es, wenn wir uns bei unserem Lebensziel genauso verzetteln, wie es manchmal bei Kleinigkeiten passiert, wo es dann okay ist, nicht auf die Uhr zu schauen und mich entspannt.

Die Angst, etwas zu verpassen

Doch dann kommt sie dazwischen, die Angst etwas zu verpassen, wenn wir so manches weglassen zugunsten der wichtigen Botschaft, unserer Wahrheit, die wir mit unserem Leben ausdrücken wollen. Alle anderen machen gefühlt viel mehr, sie gehen wöchentlich ins Kino oder Theater, treffen sich häufiger mit Freunden und treiben täglich Sport. Wenn wir das nicht tun, schleicht sich – zumindest bei mir – manchmal das Gefühl ein, sich selbst zu stark einzuschränken. Vielleicht geht es dir auch so, ich versuche, meine Zeit mit Aktivitäten und Menschen, die mir wirklich wichtig sind, zu verbringen. Dazu gehört zuallererst die Familie. Dann kommen Freunde, gemeindliche, kulturelle und sportliche Aktivitäten. Ich frage mich, wie geht es anderen mit dieser oft schwierigen Entscheidung: Was tun, was bleiben lassen? Wie Orientierung finden?

Um Weisheit bitten

Solche Unsicherheiten gab es schon immer. Nach Darstellung der Bibel fühlte sich der junge Salomo, der im 10. Jahrhundert vor Christus lebte, bei seiner Ernennung zum König vollkommen überfordert. Er glaubte, der Aufgabe, sein Volk gerecht zu regieren, nicht gewachsen zu sein. Deshalb bat er Gott, der ihm nachts im Traum erschien und einen Wunsch gewähren wollte, um etwas Erstaunliches. Er hatte nur einen Wunsch frei. Läge da nicht die Bitte um ein langes Leben nahe? Doch Salomo bat um ein hörendes Herz, um das Gute vom Bösen unterscheiden zu können. Das war ihm wichtig als Richter bei Streitigkeiten. Er erhielt die Antwort: „Sieh, ich gebe dir ein so weises und verständiges Herz, dass keiner vor dir war und keiner nach dir kommen wird, der dir gleicht.“ (1 Kön 3,12) Salomo hatte in seiner Bitte an Gott seine persönlichen Wünsche außen vor gelassen. Er hatte nicht um Reichtum und Ruhm für sich gebeten, bekam jedoch vieles dazu, und ging als ein überaus weiser König in die Geschichte ein.

Durch Weglassen gewinnen

So wie Salomo wusste, dass er, um sein Volk gut zu leiten, ein hörendes Herz brauchen würde, finden auch wir, wenn wir ernsthaft suchen, unsere Antwort auf die Frage: Was ist mir am wichtigsten und was brauche ich dafür? Die Klarheit, die wir so gewinnen, befähigt, Richtungsänderungen einzuleiten, wo sie notwendig erscheinen und eine Verwandlung zuzulassen. Wir wissen dann, was zählt, und schöpfen aus großer Fülle. Das Weggelassene kostet keine Kraft mehr, es kann zurückbleiben. Alles, was sich anbietet, gelebt zu werden, das zu unserer Herzensaufgabe gehört, schenkt Energie, statt sie zu rauben. Wir wachsen und werden zufriedener. Erfüllte Tage, in denen wir mutig nach vorne gehen, reihen sich aneinander. Und wenn es einmal nicht läuft, verkraften wir das, weil wir wissen: Die Richtung stimmt. Ich bringe meine Wahrheit in die Welt.

Ein beliebter Impuls: Ist Neinsagen erlaubt?

Eine, die ihre Wahrheit in die Welt bringt, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, direkt, verletzlich und unendlich liebenswert, ist Clara Loesel. Ihr literarisches Debüt „Wehe du gibst auf“ erschien am 08. April 2025.

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