Namasté ist alles

(c) Jutta Hajek
Laut auf den Straßen, still in den Bergen und glasklar – die Achttausender: erhebend. Stellenweise voller Müll, was Religion und Tradition angeht eher streng und überaus gastfreundlich. Nepal ist alles. Ein Blick hinter die Kulissen.
Begegnungen, die unvergesslich bleiben
„Namasté ist alles“, sagte unser Reiseführer gleich am ersten Tag. „Es bedeutet Guten Morgen, Hallo, Willkommen, Guten Abend. Dann müsst ihr nur noch ein Wort auf Nepali lernen: Dhanyabād. Das heißt danke. Mehr braucht ihr nicht. Wir gehen zusammen, damit keiner verlorengeht. Danach gebe ich euch freie Zeit.“
In Nepal leben über 140 verschiedene ethnische Gruppen. Im Bergdorf Ramkot nahe des Dhaulagiri-Gebirgsmassivs trafen wir Menschen der Ethnie Magar. Sie züchten Ziegen und verkaufen das hochwertige Fleisch, das umgerechnet 20 Euro/Kilo kostet. Außerdem leben die Menschen in dem winzigen, ursprünglichen Dorf vom Tourismus. Die Magar-Frau auf dem Foto servierte uns Tee und Kaffee. Überall, wohin wir kamen, begegneten wir freundlichen Menschen und warmer Gastfreundschaft.


Manakamana bedeutet „Erfüllung der Wünsche“, so unser Guide. Zum Manakamana-Tempel teilten wir die Gondel mit einer nepalesischen Familie. Sie konnten kaum Englisch und wir sprechen keine einzige der 120 nepalesischen Sprachen. Wir unterhielten uns so gut es ging. Lächeln geht in jeder Sprache gleich. Die rot gekleidete Frau in der Mitte ist die Ama – Oma – des kleinen Mädchens auf dem Schoß der jüngeren Frau. Später trafen wir uns im Tal wieder und winkten und lächelten uns zu.
Glaube und Tradition, die prägen
Über 80 Prozent der nepalesischen Bevölkerung (insgesamt 30 Millionen) gehören dem hinduistischen Glauben an, der bis zum Sturz der Monarchie 2008 Staatsreligion war. Buddhisten machen ca. 9 Prozent der Bevölkerung aus. Viele flohen 1950 aus Tibet, als China das Land besetzte. Muslime sind 4 und Christen gut 1 Prozent der Nepalesen. Daneben gibt es Naturreligionen, in denen man Berge, Flüsse und Bäume verehrt.

Der hinduistische Manakamana-Tempel im Distrikt Ghorka beeindruckt durch seine goldfarbenen Dächer. Gewidmet ist er der Hindu-Götting Bhagwati, einer Inkarnation von Parvati. Ringsherum bieten Läden Körbe mit Opfergaben an: Blüten, Früchte, Räucherstäbchen. Hühner kann man ebenfalls kaufen. Wer vegetarisch isst, opfert vegetarisch. Wer Fleisch isst, opfert Fleisch. Das Blut bleibt im Tempel, das Fleisch der geschlachteten Tiere wird mitgenommen, gebraten und verzehrt.
Generell dürfen Menschen mit heller Haut Hindu-Tempel meist nicht betreten, diese sind Gästen mit dunkler Haut und dunklen Haaren vorbehalten, ob sie nun Hinduisten sind oder nicht. Vor dem Eintreten läutet man Gebetsglocken, um die Gottheit zu wecken. Neben dem Tempel steht ein Holzregal voll von Schuhen, die zum Gebet abgestreift werden.
Eine Nacht blieben wir im Gästehaus des buddhistischen Klosters Pema Ts’al. Keine Heizung, kein heißes Wasser. Wir waren dankbar für Wärmflaschen. Die Temperaturen liegen im Dezember nachts am Gefrierpunkt. Wir durften zum Schulbeginn der Kinder dabei sein. Familien aus der Umgebung schicken, wenn sie mehr als zwei Söhne haben, häufig den mittleren in die Klosterschule. Die Kinder erhalten dort eine akademische Ausbildung.
Rechts: Ein Mönch hilft einem etwa fünf Jahre alten Klosterschüler, sein Gewand anzuziehen.
Unten: Bodnath Stupa in Kathmandu


Hochzeiten, die arrangiert sind
Der jüngste Sohn der Familie kümmert sich nach der Tradition um die Eltern. Dazu muss er heiraten, auch wenn er lieber frei bliebe. Er ist der Ernährer der Großfamilie, seine Frau kümmert sich um die Kinder, um seine Eltern und Großeltern. Rente beziehen in Nepal nur wenige, z.B. ehemalige Beamte. Drei bis vier Generationen leben unter einem Dach. Wir erfuhren, dass auf dem Land noch immer ca. 99 Prozent der Ehen von den Eltern arrangiert werden, in der Stadt etwas weniger.
Das Kastensystem wurde 1963 offiziell abgeschafft, doch die Diskriminierung setzt sich fort und seine Wirkung auf das Heiraten ist immer noch spürbar. Menschen aus der obersten Kaste der Brahmanen verlieren ihre Vorrechte, wenn sie jemanden aus einer niedrigeren Kaste heiraten. Auch die Kinder, die aus dieser Verbindung entstehen, haben keine Brahmanen-Rechte. Die Familien der obersten Kaste üben massiven Druck aus, damit ihre Kinder sich nicht mit jemandem aus einer niedrigeren Kaste einlassen. Viele junge Leute sind in diesem System gefangen. Das Feuer, „Agni“, ist der Urgott der Hinduisten. Bei der Hochzeit verspricht ein Brautpaar sich vor dem Feuer, nicht nur für dieses Leben, sondern für sieben Leben zusammenzubleiben. Die Angst vor Agni spielt eine Rolle bei der niedrigen Scheidungsrate von unter 1 Prozent.
Natur, die den Atem raubt

Wilde Weihnachtssterne mit ihrem intensiven Rot. Elefanten, Nashörner, Krokodile, exotische Vögel. Und dann natürlich die Berge. Nepal hat uns verzaubert.


Wir bewegten uns nicht in über 2000 Metern Höhe, aber es war zu merken, dass der Sauerstoffgehalt der Luft sank, je höher wir kamen. Ohne dass wir im Mount Everest Basislager (5.364 m) waren, blieb uns manchmal der Atem weg: wegen der puren Schönheit der nepalesischen Natur. Ebenso, wenn wir hinter die Kulissen oder unter Brücken und neben Flüsse schauten, weil dort reichlich Müll liegt, was kaum jemanden zu stören scheint.
Das Land erstrecke sich etwa 800 Kilometer von Ost nach West und 200 von Nord nach Süd, erklärte unser Reiseführer. Über 50 % der Bevölkerung lebten in der Ebene, obwohl sie einen relativ kleinen Teil der Landesfläche einnehme. Acht Achttausender liegen in Nepal, drei davon vollständig auf nepalesischem Gebiet: Dhaulagiri, Annapurna und Manaslu. Von einer Anhöhe aus erlebten wir, wie die Sonne aus schwarzer Nacht vom Osten her als glutroter Ball aufging und die Spitzen der Gebirgsketten in rosarotes Licht tauchte. Wie klein wir Menschen doch sind und wie wichtig wir uns nehmen!
Ode an die Berge
Gottheiten gleich thront ihr im Land
Bedeckt von ewigem Eis
Berührbar für Bewohner der Ebenen
Nur mit dem Blick
In einsamer Schönheit
Weist ihr nach oben
Weit hinaus über irdisches Glück
Essen, das glücklich macht
Nepalesische Äpfel, Bananen und Mandarinen schmecken köstlich. Durch das milde Klima in der Ebene sind mehrere Ernten im Jahr möglich. Auch Papaya, Melone und Jackfruit gedeihen hier. Nicht zu vergessen: Ingwer, Kardamom, Knoblauch, Kurkuma, Chili und Zwiebeln. Zum Frühstück und Abendessen gab es oft Gemüse, manchmal im Omelett. Dal Bhat, das nepalesische Nationalgericht aus Linsen und Reis ist leicht und eiweißhaltig und sehr, sehr lecker.
Hervorragend haben uns auch die Momos gemundet: Teigtaschen gefüllt mit Gemüse oder Fleisch mit rotem oder gelbem Dip. Dabei ist mir eingefallen, dass ich sie in Deutschland schon einmal gekauft hatte an einem Sushi-Stand. Probiere die Rezepte aus. Guten Appetit!



Verbindung, die Distanzen überwindet

Der Bhodi- oder Feigenbaum wird von den Buddhisten als heilig verehrt, weil es heißt, Siddhartha Gautama, der Buddha, habe unter solch einem Baum Erleuchtung erlangt. Der Bhodi-Baum auf dem Foto ist nach Angaben unseres Guides 2000 Jahre alt und seine Wurzeln reichen über das Tal hinweg und bis auf die andere Seite des gegenüberliegenden Hügels. Das mag wahr sein oder nicht, es gibt jedenfalls Verbindungen, die unsere Vorstellungskraft übersteigen. No doubt about it!
Weil wir wussten, dass eine Rundreise über zwei Wochen, bei der man jede Nacht woanders schläft, herausfordernd werden würde, erklärte sich meine Schwester, die eine Ausbildung in Reiki absolviert, bereit, ein Energie-Depot anzulegen. Außerdem unterstützte sie mich mit Fern-Reiki, als mir ein Essen nicht bekam und als ich nicht schlafen konnte. Wir verabredeten uns über Zeitzonen hinweg (Nepal ist 4:45 Stunden voraus) und ich spürte Wärme, heilende Impulse und Entspannung unmittelbar. Verrückt? Ja, aber vor allem faszinierend. Diese Erfahrung hat unseren Horizont enorm erweitert.


Pläne, die durchkreuzt werden
Am Montag, dem 12. Reisetag sollten wir sehr Früh zum Flughafen in Kathmandu gebracht werden, nach Delhi fliegen und von dort aus weiter nach Frankfurt. Doch es kam anders. Delhi war eingehüllt in Nebel, nicht in den üblichen Smog, sondern die Sichtweite am Flughafen lag bei ca. 75 Metern. Hunderte Flüge aus Kathmandu dorthin wurden storniert. Stunden um Stunden hockten wir auf dem Flughafen, wurden schließlich abgeholt und wieder in die Stadt gebracht. Im Radisson sollten wir die Nacht verbringen. Die Nächte vorher waren sehr kurz, weil wir wegen der Sperrung einer Straße zeitig hatten losfahren müssen, um Kathmandu überhaupt zu erreichen. Alle waren müde.
Ich schrieb meiner Schwester, was geschehen war, und fragte: „Wie damit umgehen?“ Nach der Spiritualität, der ich in diesen 12 Tagen begegnet war, gab es im Grunde nur einen Weg. Sie antwortete: „Du kannst dich jetzt tierisch aufregen und die Energie der nächsten 3 Wochen aufbrauchen oder du praktizierst bedingungslose Annahme und schaust, was noch Schönes geschehen will!“
Obwohl ich im Inneren gewusst hatte, was dran war, tat mir diese Ansage gut. Wir fuhren ins Hotel, gingen spazieren, kauften dabei noch ein paar Mitbringsel und verbrachten einen weiteren wunderbaren Abend mit unserer Gruppe, die ausschließlich aus Menschen bestand, die sich gegenseitig akzeptieren, so wie sie sind – nach Willy Berts Motto: „Jeder Jeck ist anders.“ Und am Morgen brachen wir ausgeruht gen Heimat auf. Diesmal kamen wir an.
Ein beliebter Impuls: Bereit zum Aufbruch?




